Was tun bei Gräser- oder Roggenpollenallergie?
Im Juni, wenn die Fußball-Europameisterschaft und die Grillsaison ihren Höhepunkt erreichen, wird die Konzentration von Gräser- und Roggenpollen maximal sein. Das Ende der Heuschnupfensaison für Gräserallergiker ist mittlerweile in den späten Herbst gerückt, wie der im Februar 2008 aktualisierte Pollenflugkalender der Stiftung
Deutscher Polleninformationsdienst zeigt (pollenstiftung.de). Auf der Homepage des Deutschen Wetterdienstes (dwd.de/pollenflug) können Betroffene außerdem eine grafische Darstellung der Pollenflugvorhersage sowie eine Pollenstatistik finden.
In Zukunft noch mehr Heuschnupfenallergiker
Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Die Ursache hierfür ist nicht eindeutig geklärt.1 "An vorderster Stelle vieler Faktoren steht die Umweltverschmutzung, wie eine erhöhte Feinstaubbelastung", weiß Privat-Dozentin Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Allergologin aus München und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). Tests mit Mäusen zeigten bereits, dass Feinstaub eine allergische Reaktion verstärken kann. An Feinstaub gebundene Allergieauslösende Proteine - die Allergene - können darüber hinaus tiefere Lungenabschnitte erreichen als das Pollenkorn. Diese sind zu groß, um in die Lunge zu gelangen. Zudem werden in Städten, wo die Luftverschmutzung größer ist als in ländlichen Gegenden, höhere Allergieraten beobachtet.
"Seit etwa zehn Jahren wissen wir, dass neben der Umweltbelastung auch der Klimawandel ein Grund für die Zunahme von Pollenallergien ist", fügt Traidl-Hoffmann hinzu. "Höhere Temperaturen führen nicht nur zu längeren und frühzeitigeren Blühphasen, sondern fatalerweise auch zu neuen oder aggressiveren Pollensorten wie die der Ambrosia-Pflanze." Die Privat-Dozentin des Zentrums Allergie und Umwelt der Technischen Universität München (ZAUM) glaubt, dass Heuschnupfen-geplagte zukünftig das ganze Jahr über mit einer Pollenbelastung rechnen müssen.
Zurzeit leiden bereits 15 bis 25 Prozent der erwachsenen Bundesbürger an einem allergischen Schnupfen. Eine Datenauswertung der International Study of Asthma and Allergies in Childhood (ISAAC) von 2006 hat ergeben, dass 6,9 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen und 15 Prozent der 13- bis 14-jährigen Jugendlichen an Heuschnupfen erkrankt sind.2 Bei etwa der Hälfte der Heuschnupfenkranken sind Gräserpollen die Allergieauslöser. Ständiges Niesen, Augenjucken oder gar Atemnot gehören zu den häufigsten Symptomen eines allergischen Schnupfens.
Stopp dem Heuschnupfen durch Immuntherapie und Medikamente
Das Meiden der Allergene ist die beste Möglichkeit, allergische Reaktionen zu minimieren. Dies ist jedoch für Pollenallergiker nur schwer zu praktizieren. Deshalb verordnen allergologisch tätige Fachärzte Betroffenen beispielsweise Antihistamin-Tabletten und Kortison-Nasensprays, um die Symptome zu lindern. "Die Angst vor einer Behandlung mit Kortikosteroiden ist völlig unbegründet. Die heute eingesetzten Präparate weisen keine schweren Nebenwirkungen mehr auf", beruhigt Professor Dr. Wolfgang Czech, Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA). "Hilft die medikamentöse Therapie nicht ausreichend, die allergischen Reaktionen zu unterdrücken, rate ich dringend zu einer spezifischen Immuntherapie."
Die spezifische Immuntherapie (SIT) ist die einzige ursächlich wirksame Therapie gegen Heuschnupfen. Gleichzeitig kann sie einem so genannten "Etagenwechsel" zum allergischen Asthma vorbeugen. Üblicherweise erfolgt eine SIT über drei Jahre. Der Arzt spritzt die Allergene in regelmäßigen Abständen unter die Haut. Das Immunsystem gewöhnt sich langsam an den Allergieauslöser und wird dadurch wieder unempfindlicher. Die SIT hat bei einer Gräserpollenallergie eine Erfolgsrate von über 80 Prozent. Laut Czech vom ÄDA habe sich diese Therapiemöglichkeit in Deutschland seit Jahrzehnten etabliert. Sie müsse jedoch noch häufiger - auch bei Kindern und Jugendlichen - in Erwägung gezogen werden.
Neue Therapiemöglichkeit hilft Erwachsenen und bald Kindern ebenso
Neu ist die Möglichkeit einer SIT in Form von Tabletten: Seit November 2006 ist eine Gräser-Impf-Tablette in Deutschland zur Behandlung von Gräser- oder Roggenpollenallergien bei Erwachsenen zugelassen. Optimistisch äußert sich der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) Professor Dr. Albrecht Bufe bezüglich einer Zulassung der Tablette für Kinder und Jugendliche: "Die ersten Studienergebnisse zeigten eine gute Wirksamkeit der Gräser-Impf-Tablette auch bei jungen Patienten mit einer diagnostizierten Gräserpollenallergie." Aufgrund ihres guten Nutzen-Risiko-Profils sei die Tabletten-Immuntherapie für Kinder und Jugendliche sehr von Interesse.
Die gefriergetrocknete (lyophilisierte) Gräser-Impf-Tablette enthält eine definierte Menge an Allergenen des Wiesenlieschgrases (Phleum pratense). Der Allergiker kann diese selbst einmal täglich unter die Zunge legen, wo sich die Tablette innerhalb weniger Sekunden auflöst und die Wirksubstanz freisetzt. Die Allergene wirken dann über die Mundschleimhaut auf sein Immunsystem. "Die Therapie mit der Gräser-Impf-Tablette ist einfach zu Hause durchführbar und eignet sich vor allem für Gräser- und Roggenpollenallergiker mit Angst vor Spritzen oder Zeitmangel. So können weitaus mehr Heuschnupfen-Betroffene an eine spezifische Immuntherapie herangeführt werden als bisher", bemerkt Professor Dr. Claus Bachert, Präsident der DGAKI.
Kreuzreaktivität unter Süßgräsern
Allergologen nutzen das Phänomen Kreuzreaktivität häufig für eine spezifische Immuntherapie - für viele Allergiker ist es hingegen eher lästig, dass dieses Thema überhaupt existiert. Sind nämlich die Oberflächenstrukturen zweier unterschiedlicher Allergene sehr ähnlich, können spezielle Antikörper (IgE-Antikörper) des Immunsystems diese nicht voneinander unterscheiden.3,4 "Ein Heuschnupfenpatient, der beispielsweise gegen Gräserpollenallergene sensibilisiert ist, reagiert oft auch allergisch auf den Genuss von Getreide und Hülsenfrüchte wie Soja und Erdnüsse", erklärt Czech vom ÄDA.
"Dieses Phänomen wird als Kreuzallergie oder Pollen-assoziierte Nahrungsmittelallergie bezeichnet." Eine hohe Kreuzreaktivität besteht ebenfalls unter den zahlreichen Gräsersorten. Alle Süßgräser bilden botanisch eine Familie. 95 Prozent der Gräser- und Getreidearten gehören zu nur drei Unterfamilien. Botanisch sehr eng verwandt sind beispielsweise Roggen, Weizen, die Rispen- und Knäuelgräser und das Wiesenlieschgras.
Aufgrund der Kreuzallergenität von Süßgräsern ist eine spezifische Immuntherapie mit dem Allergen Phl p 5 aus dem Wiesenlieschgras auch bei einer Allergie gegen andere Gräser und Roggen
erfolgreich. Untersuchungen belegen, dass eine Immuntherapie mit Phl p 5 vollständig die IgE-Antikörper-Bindung gegenüber anderen Gräserpollenallergenen hemmt und so das Immunsystem auch an diese gewöhnt. 3,5
1 Ring J, et al.: Why are allergies increasing? Curr Opin Immunol 2001; 13:701-708
2 Asher MI, et al.: Worldwide time trends in the prevalence of symptoms of asthma, allergic rhinoconjunctivitis, and eczema in childhood: ISAAC Phases One and Three repeat multicountry cross-sectional surveys. Lancet 2006;368(9357):733-743
3 Weber RW: Cross-reactivity of pollen allergens: recommendations for immunotherapy vaccines. Curr Opin Allergy Clin Immunol. 2005;5(6):563-369
4 Laffer S, et al.: Complementary DNA cloning of the major allergen Phl p 1 from timothy grass (Phleum pratense); recombinant Phl p 1 inhibits IgE binding to group I allergens from eight different grass species. J Allergy Clin Immunol. 1994;94(4):689-698
5 Kleine-Tebbe J, et al.: Kreuzallergenität bei Süßgräsern: Konsequenzen für Diagnostik und Therapie. Abstract für 2. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongress Lübeck 2007
Quelle: Pressemeldung ALK-Abelló Arzneimittel GmbH
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