Von Bottrop nach Toestrup

11.08.2009 | Mainz
"Jetzt aber mal Butter bei die Fische", sagt man gerne dann, wenn man möchte, dass jemand nicht lange um den heißen Brei herumredet, sondern endlich "zu Potte", also auf den Punkt kommen soll. Abgesehen davon, bewahrt der Ausspruch natürlich auch eine kulinarische Küchenweisheit - denn die meisten Fische schmecken einfach am besten, wenn sie in Butter gebraten werden.

Da beißt die Maus keinen Diätfaden ab. Obwohl man bei der Redewendung natürlich eher an norddeutsche "Fischköppe" denkt, verweist das grammatikalisch eigenwillige "bei die" doch auch auf die sprachlichen Besonderheiten des Ruhrgebiets. Und damit hätte man nicht nur den Filmtitel geklärt, sondern auch die beiden Pole benannt, zwischen denen sich diese unsentimentale und zeitgemäße "Bauer-sucht-Frau-Komödie" abspielt - von Bottrop nach Toestrup also! "Suche für drei liebevolle Männer die passenden Ehefrauen. Alter und Aussehen egal. Gerne tierlieb. Zuschriften unter Chiffre…" Diese schlichte Zeitungsanzeige, die der Dorfpastor Hans-Uwe (Peter Heinrich Brix) für drei Bauern aufgegeben hat, nehmen vier Freundinnen aus dem Ruhrgebiet, denen ihr Alter und Aussehen wahrlich nicht egal sind, zum Anlass, nach Schleswig-Holstein aufzubrechen und ihrem Leben eine entscheidende Wendung zu geben. Petra (Ulrike Kriener), die eigentlich nur die Kupplerin sein wollte, organisiert die Fahrt in den hohen Norden - dorthin, wo der Raps am schönsten blüht und die Männer lieber schweigen oder das Motorrad reparieren als von ihren Gefühlen zu reden oder sie gar zu zeigen. Das fein gewebte Drehbuch mit dem leisen Humor von Georg Weber, der als Schauspieler und Regisseur arbeitet und sich seit seinem beeindruckenden Schreibdebüt für das ZDF-Fernsehspiel "Am Ende des Tunnels" auch als Autor einen Namen gemacht hat, wurde Ulrike Kriener (mit der Weber auch verheiratet ist) auf den Leib geschrieben und gibt der geborenen Bottroperin, die ja im ZDF regelmäßig als "Kommissarin Lucas" eher ernst in Regensburg ermittelt, mal wieder die Möglichkeit, ihr großes - und spätestens seit "Männer" unvergessliches - komödiantisches Talent zu zeigen. Dass man auch eine leicht wirkende Komödie nicht einfach ohne Recherche und genaue Beobachtung aus dem Ärmel schütteln kann, zeigt sich in diesem Fall sehr eindrucksvoll. Der schöne Subplot des Films erzählt von dem Kampf des Pastors, die marode Dorfkirche, die wegen Baufälligkeit kurz vor der Schließung steht, zu retten, in dem er das Geld für die notwendige Renovierung beschafft. Das klare Plädoyer des Films, dass es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist, die von Mitgliederschwund und Geldsorgen bedrohte "Kirche(n) im Dorf zu lassen", wurde im Drehort Toestrup, einer der kleinsten Kirchengemeinden Deutschlands, von der Wirklichkeit bestätigt. Angeln, die wunderschöne Landschaft zwischen dem Ostseefjord Schlei und der Flensburger Förde, in der dieser Film gedreht wurde, ist seine Heimat ("Brix-County", wie Regisseur Lars Jessen das nennt), in Norddeutschland ist er (dem "Großstadtrevier" und "Neues aus Büttenwarder" sei Dank) schon seit langem einer der beliebtesten Schauspieler - und dem Rest der Republik kann er sich mit diesem Film endlich mal ordentlich ins Herz spielen: Peter Heinrich Brix. Seiner Heimat entsprechend, ist der staatlich geprüfte Landwirt Brix kein Mann der großen Gesten. Für die letzte Reihe hat er noch nie gespielt - deshalb ist er dort ganz richtig, wo man in der ersten Reihe sitzt. Als einen fast unbewegten "Sympathie-Beweger" könnte man ihn vielleicht charakterisieren. Das feine Schmunzeln, das sich irgendwo zwischen dem schmalen Mund und den bübischen Augen abzeichnet, hat aber die einnehmende Kraft, sich in diesem Gesicht sofort zu Hause und überaus wohl zu fühlen. Aus solch authentischen Physiognomien sind eben Publikumslieblinge geschnitzt. So bekannte Brix augenzwinkernd, aber wahrheitsgemäß vor Drehbeginn: "Das ist mein erster Liebesfilm". Aber auch das lehrt dieser Film - es ist nie zu spät, Butter bei die Fische zu tun. "Nordisch by Nature" kann man den aus Schleswig-Holstein stammenden Regisseur Lars Jessen mit Fug und Recht nennen, und er hat diesem Stoff die nötige norddeutsche Seele eingehaucht. Jessen ist - neben dem Talent für spannende Krimis - spätestens seit seinen Kinofilmen "Am Tag als Bobby Ewing starb", "Die Schimmelreiter" und zuletzt "Dorfpunks" bekannt für seinen besonders liebevollen Blick auf das Land mit dem weiten Himmel zwischen den Meeren und dem besonderen Menschenschlag, der dort lebt. Viel geredet wird hier nicht, aber man darf sich nicht täuschen: platt ist hier nämlich nur das Land - nie aber der Humor! Die speziellen Charaktere, denen man hier auch auf Schritt und Tritt in Wirklichkeit begegnet, erzählt der in Kiel geborene Jessen mit dem landestypischen trockenem Humor, großer menschlicher Wärme und sehr herzlicher Zuneigung. Die Trennschärfe zwischen Drama und Komödie hat Lars Jessen allerdings immer weniger interessiert. "Das Leben ist eine Komödie für jene, die denken, eine Tragödie aber für jene, die fühlen", haben wir von Oscar Wilde gelernt. So scheren sich seine Filme bewusst nicht um diese Kluft - schließlich macht er sie mit viel Gefühl und Verstand zugleich und zeigt darin ein Leben, in dem Lachen und Weinen eng beieinander liegen. Die Unterhaltsamkeit aus jeder Szene zu kitzeln, genießt bei ihm höchste Priorität und der Gradmesser dafür heißt: funktionierender Humor - erst, wenn er sich im Schneideraum selbst über eine oft gesehene Szene noch freuen kann, wie beim ersten Mal, ist er zufrieden mit seiner Arbeit. Arbeit für sein Publikum. Aber jetzt genug gesabbelt und endlich "Butter bei die Fische" - Film ab! Daniel Blum Redaktion Fernsehfilm II

Quelle: Pressemeldung ZDF-Pressestelle

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